Circus Maximus

 

„Panem et circenses“ – Brot und Spiele seien der wichtigste Lebensinhalt der Römer, bedauerte schon der römische Dichter Juvenal und klagte damit über den Verlust der Werte, die Rom einst groß gemacht hatten. Mit „panem“ was das kostenlose Brotgetreide gemeint, das aber nur die Bedürftigsten erhalten haben. Unter Kaiser Augustus war die Zahl derer, die Anspruch darauf hatten, bei exakt 200.000 festgelegt. Auf eine genaue Erhebung der wirklich Bedürftigen hat man sich also gar nicht eingelassen. „Circenses“ waren die berühmten „ludi circenses“, die Wagenrennen, die in Rom eben im Circus maximus stattgefunden haben.

Anfangs nur ein Holzgerüst, war die Anlage zwischen den Hügeln Palatin und Aventin in ihrer letzten Ausbaustufe ein Steinbau, der mit Marmor verkleidet war und über 350.000 Personen Platz bot.

In Rom gab es vier Rennställe, factiones, die mit ihren Wagen gegeneinander antraten, wobei diese durch ihre Farben voneinander zu unterscheiden waren: Die Grünen, die Roten, die Weißen und die Blauen. Rennstall, damit sind nicht bloß Wagen, Wagenlenker und Pferde gemeint; dazu gehörte eine ganze Mannschaft, bestehend aus Managern, Betreuern, Ärzten, Köchen, usw., die alle für den Betrieb eines solchen Sportklubs notwendig waren, und natürlich auch einem Präsidenten. Einsatz hat sich für alle gelohnt, denn die Preisgelder erreichten unvorstellbare Höhen. Insofern sind siegreiche Wagenlenker sogar mit heutigen Formel-1-Piloten zu vergleichen.

Eine pompa zu Beginn, eine kultische Feier in der Art einer Prozession, verweist wie bei den Gladiatorenspielen auf einen religiösen Ursprung. Anschließend rollten die Gespanne zu ihren carceres, den Startanlagen, um auf das Startsignal zu warten. Sieben Runden waren zu absolvieren, insgesamt achteinhalb Kilometer, wobei die kritischen Stellen jeweils die Umrundung der metae, der beiden Wendemarken, waren. Zahlreiche Unfälle machten auch diese Spiele zu einem gefährlichen Spektakel, das manchmal auch tödlich endete – ein Umstand, der die Massen aber so richtig begeistern konnte. Die Römer waren einfach verrückt nach diesen Rennen, wobei Wetteinsätze die Stimmung zusätzlich anheizten.

Plinius der Jüngere gehörte ganz bestimmt zu einer Minderheit, wenn er meinte „Quo magis miror tot milia virorum tam pueriliter identidem cupere currentes equos, insistentes curribus homines videre – umso mehr wundere ich mich, dass so viele tausende Menschen so kindisch immer wieder diese rennenden Pferde und die Männer, die auf ihren Wagen stehen, sehen wollen.“

Für Ovid, den Lieblingsdichter der Römer zur Zeit des Augustus, erfüllte der Zirkus sowieso einen ganz anderen Zweck: Anders als im Kolosseum saßen die Frauen hier nämlich nicht getrennt von den Männern, sodass dieser Ort seiner Meinung nach zum Flirten bestens geeignet sei. Wie solche Annäherungsversuche auszusehen hätten, beschreibt Ovid ausführlich in seiner berühmt berüchtigten Ars amatoria, seinem Lehrgedicht über die Liebeskunst mit zahlreichen Tipps für Männer wie auch für Frauen (I 135ff.):

„Lass dir doch nicht das Rennen der rassigen Pferde entgehen:

Manche Gelegenheit gibt´s, hat sich der Zirkus gefüllt.

Nicht mit Fingern musst du geheime Gespräche hier führen,

nicht durch nickenden Wink heimliche Zeichen verstehen.

Nah zur Liebsten sollst du dich setzen, es hindert dich niemand,

drück dich so nah an sie, wie du es eben vermagst.

Für ein trautes Gespräch sollst hier einen Anlass du suchen,

was man allgemein spricht, stifte zuerst dir das Wort.

Wessen Pferde jetzt kommen, das sollst du mit Eifer erfragen:

Und wer immer es ist, klatsche, für den auch sie klatscht.

Wenn dann der Festzug kommt mit den vielen Elfenbeingöttern,

spende der Venus sogleich Beifall mit freundlicher Hand.

Wenn es zufällig geschieht, dass auf den Schoß deines Mädchens

Staub fällt, schüttle ihn ab mit deinen Fingern sogleich,

auch wenn nirgendwo Staub ist, dann schüttle eben ein nichts ab:

Jeder beliebige Grund eigne sich für deinen Dienst.

Hängt ihr Kleid zu tief herab und liegt auf dem Boden,

leg´s in Falten und heb´s eifrig heraus aus dem Schmutz.

Gleich, als Lohn für den Dienst, das Mädchen lässt es geschehen,

hat dein Auge das Glück, heimlich die Beine zu sehen.

Sieh dich auch um, damit nicht der, der hinter euch Platz hat,

zudringlich mit seinem Knie an ihren Rücken sich presst.

Unbeschwerte Gemüter gewinnt man mit Kleinem: es nützte

vielen schon, wenn sie geschickt rückten das Kissen zurecht.

Klug ist´s auch, für Luft zu sorgen mit zierlichem Fächer,

oder den Schemel zu stell´n unter den lieblichen Fuß.

Solche Gelegenheit bietet der Zirkus beginnender Liebe

und der düstere Sand auf dem erregenden Platz.


(Übersetzt von Franz Peter Waiblinger)